Nr. auf dem Plänchen: 9 (Bürgstadt)
Sie ist die Ältere von zwei Kirchen in Bürgstadt, die sich nur einen Steinwurf entfernt gegenüberstehen. Das war wohl auch der Grund, dass man die ältere Kirche zur besseren Unterscheidung „Kapelle“ taufte. Beide gehen jedoch als Kirchen zweier Grundherrschaften aus dem Mittelalter hervor. Die Historie der Martinskapelle dürfte auf spätmerowingische Zeit zurückgehen und ihr Umfeld, die Martinsgasse, bildete die Urzelle unseres Ortes. Wohl aufgrund einer Brandzerstörung eines wahrscheinlich hölzernen Vorgängergebäudes entstand die „Kapelle“ um das Jahr 950 neu als steinerner Bau, was eine Radiokarbon-Untersuchung von Gerüsthölzern belegt.
Im 13. Jahrhundert durch Brand zerstört, blieb sie viele Jahre ruinös. Ende des 14. Jahrhunderts übernahm die Bürgerschaft die Kapellenruine mit allen Rechten und Pflichten und baute sie als „Frühmesskirche“ wieder auf. Damit fand diese ihre weitere Existenzberechtigung neben der Pfarrkirche, die lange Zeit als Filialkirche der umliegenden Orte, Miltenberg eingeschlossen, fungierte.
Etwa um 1490 erhielt die Martinskapelle ihr spätgotisches Portal und die beeindruckende Kreuzigungsgruppe im Chor. Durch Bauernkrieg und Reformationswirren wurde das Kirchengebäude jedoch zu einem „bös verfallen Werk“. Nach dem Konzil von Trient, als die Gegenreformation auch in Bürgstadt einsetzte und die Pfarrkirche im Jahr 1585 ihre Turmerhöhung erhielt, plante der Pfarrer Balthasar Häffner zusammen mit dem Bürgermeister Peter Schneider ein weiteres gegenreformatorisches Werk: Die Martinskapelle sollte eine biblia paupera, eine „Arme-Leute-Bibel“ erhalten, die den Gläubigen die Heilsgeschichte in 40 Bilderzyklen anschaulich näherbringen sollte. 1589 wurden zu diesem Zweck die Zahl der gotischen Fenster im Langhaus reduziert und darüber mit kleinen romanischen Fenstern ergänzt. Begonnen wurde die Ausmalung von dem Nürnberger Portraitmaler Andreas Herneisen (Decke und Chor), es kam jedoch nicht zur Fertigstellung. Nach dem Rathausneubau 1590-93) konnten die berühmten 40 Medaillons und das rätselhafte „Weltgericht“ am Chorbogen von einem unbekannten Künstler im Jahr 1593 beendet werden. Die vollständige Erhaltung der Gemälde in der Martinskapelle ist von überregionaler kunsthistorischer Bedeutung.
Der Eintritt beträgt pro Person 2 Euro. Nutzen Sie bei Interesse die Möglichkeit einer Audioführung oder buchen Sie eine Gruppenführung unter vorheriger Anmeldung.
Die Führung erfolgt durch Personen, die ehrenamtlich für den Erhalt der Kapelle arbeiten. Es wird jedoch um eine Spende von mindestens 50 Euro gebeten, der Spendenbetrag wird über den HGV Bürgstadt der Pfarrgemeinde zur Verfügung stellt.
Tipp: Der Schlüssel für Besichtigungen kann bei der Gärtnerei Kling direkt nebenan oder bei Nadjas Bürgstadt (Hauptstraße 2) ausgeliehen werden. Ein kleiner Führer „Die Kirchen in Bürgstadt“ ist für 3,- € erhältlich und eine Audioaufnahme mit Informationen zur Martinskapelle kann für 2,- € abgespielt werden.
Wenn Sie eine Führung in der Martinskapelle buchen möchten, wenden Sie sich bitte an die Tourist Information, Tel: 09371-404 119 und tourismus@miltenberg.info. Die Tourist Information übernimmt die Terminabsprache mit dem Pfarrbüro.

