Resonanzboden Tangentenflügel, Restaurierung
Tangenflügel Innenkonstruktion

The Missing Link

Erhaltene historische Hammerklaviere sind unverzichtbare Quellen zum Verständnis historischer Interpretationspraxis. Nur durch überlieferte Instrumente können wir heute die Entwicklung der Klaviermusik im 18. und 19. Jahrhundert begreifen. Die Entwicklung der Klaviermusik vollzog sich im 18. Jahrhundert parallel zur Erfindung und Verbreitung unterschiedlichster Hammerklavier-Modelle, von denen die erfolgreichsten einen kulturprägenden Einfluss gewannen.

Die Kenntnis darum, welche Instrumente z.B. Mozart bevorzugt gespielt hat und um deren klangliche und spieltechnische Eigenschaften sind für seine Interpretation unverzichtbar. Allerdings wurden alle bisher bekannten und spielbaren historischen Instrumente nach 1780, ganz überwiegend sogar nach 1790, gebaut oder umgebaut. Es fehlten daher bis heute ganz entscheidende Quellen zu Verständnis und Interpretation der Klaviermusik der Mitte des 18. Jahrhunderts bis ca. 1780.

Durch einen vor kurzem im Tannheimer Tal/Tirol aufgefundenen historischen Hammerflügel des bedeutenden Regensburger Orgel- und Klavierbauers Franz Jakob Spath ist es nun erstmals möglich, die Musik des frühen Mozarts, aber auch der zahlreichen anderen Fortepiano-Pioniere des 18. Jahrhunderts auf einem Original-Instrument darzustellen.  Der Hammerflügel ist vollständig unverfälscht erhalten und wird nach erfolgter behutsamer Restaurierung beim Mitlenberger Mozart-Festival 2019 erstmals öffentlich vorgestellt.

Des jungen Mozarts bevorzugte Klaviere waren die Hammerflügel des Regensburger Orgel- und Klavierbauers Franz Jacob Spath (wir präsentieren das einzige erhaltene spielbare Instrument). Im Herbst 1777 kam es zu der folgenreichen Begegnung in der Werkstatt des Augsburger Klavierbauers Johann Andreas Stein:

…ehe ich noch vom Stein etwas gesehen habe, waren mir die spättischen Clavier die liebsten  (Mozart  1777)

Steins bahnbrechende Erfindung der Prellzungenmechanik prägte danach Mozarts Klavierschaffen, aber auch die gesamte Wiener Klassik und ihre Nachfolger bis in die Mitte des 19. Jh.

Franz Jacob Spath – Pantaleon-Clavecin

der weltweit einzige erhaltene spielbare frühe Hammerflügel (sogenanntes Pantaleon-Clavecin) von Franz Jacob Spath, Regensburg um 1765.  Spath entwickelte sein erstes Hammerklavier-Modell wohl noch zu Bachs Lebzeiten, es entsprach dem hier vorliegenden Instrument. Erstmals erwähnt wird dessen aufsehenerregende Präsentation beim Bonner Kurfürsten 1751 (der Erbauer wurde reich beschenkt).  Weltweit sind nur zwei Instrumente dieser Art erhalten geblieben, wobei das zweite, heute im National Music Museum (Shrine to music) in Vermillion/USA, nicht mehr spielbar ist.

Clavecin Royal

Das Clavecin Royal ist eine der berühmtesten mitteldeutschen Instrumenten-Erfindungen. Nur ganz wenige sind erhalten, zwei davon in der Sammlung des Claviersalons Miltenberg. Stilistisch und klanglich gelten diese Instrumente als Perlen des frühen Klavierbaus. In der Mitte des 18. Jh. wurden Hammerklaviere häufig noch als „Clavecin“ also als Cembalo bezeichnet , und lediglich mit dem Zusatz „Royal“  oder, wie oben, „Pantaleon“ als Neuerung gekennzeichnet. Klang, Spielgefühl und Ausstrahlung des Instruments sind von einzigartiger Schönheit.

Tangentenflügel signiert von Christoph Friedrich Schmahl, Regensburg 1790

Die Besonderheit des Tangentenflügels besteht darin, dass durch Tastendruck nicht etwa wie beim Klavier, Hämmerchen, sondern Holzstäbchen – die Tangenten – gegen die Saiten geschleudert werden. Die Übertragung erfolgt durch den zwischen Taste und Tangente wirkenden Treiber, der als Hebel den Tastendruck in eine schnelle Beschleunigung der Tangente umwandelt. Der durch den Anschlag der unbelederten Tangente entstehende Ton hat etwas berührend Schönes, ähnlich dem Klang einer Harfe oder Gitarre, bekommt aber je nach Anschlag auch perkussiven Charakter und eröffnet damit ein wunderbares Ausdrucksspektrum, das noch durch zahlreiche eingebaute Klangeffekte vervielfacht wird. Diese Klangveränderungen werden durch verschiedene Tuche, Leder oder Fransenleisten über Kniehebel und Handzüge gesteuert.

Die Leistung von Franz Jacob Spath und Christoph Friedrich Schmahl besteht jedoch nicht in der erstmaligen Anwendung einer Mechanik mit Tangenten, sondern in deren genialen, wirkungsvollen und belastungsfähigen Umsetzung! Die Mechanik ist in ihrer konkreten Form so ausgereift und gewissermaßen „unverbesserbar“ dass der Begriff „Tangentenflügel“ als Gattungsnahme für eine eigene Instrumentenform mit Spath und Schmahls Erfindung wie ein Stern auf- und nach etwa 15 Jahren ebenso schnell wieder untergeht (was wohl der um 1800 rasanten Klavierentwicklung geschuldet ist). In diesem Sinne ist die Erfindung des Regensburger Tangentenflügels eine einzigartige Leistung in der Geschichte des Instrumentenbaus.

Das Instrument ist das weltweit einzige Exemplar mit erhaltener Original-Substanz

Hammerflügel von Johann David Schiedmayer, Erlangen 1783
Frühester erhaltener Hammerflügel mit Prellzungen-Mechanik. Johann David Schiedmayer baute dieses Instrument nach dem Vorbild seines Lehrmeisters Johann Andreas Stein aus Augsburg. Klaviaturumfang: FF – f3,  Gehäusemarketerie Nussbaum Wurzelmaserung.

Das Instrument ist das älteste erhaltene Instrument der über viele Generationen bis ins 20 Jh tätigen deutschen Schiedmayer-Dynastie.  Johann David Schiedmayer und seine Brüder bauten sehr konservativ. Jedes Instrument wurde vom Meister selbst in vollendeter Präzision hergestellt. Schiedmayer-Instrumente konnten im 18 Jh zu überdurchschnittlich hohen Preisen verkauft werden. Die Kunden, zu denen die berühmtesten Musiker der damaligen Zeit gehörten, sind in einem überlieferten Werkstattbuch beschrieben.

Dieser Hammerflügel gehört nicht nur aufgrund seiner edlen Ausstattung, Qualität und Klangschönheit zu den wertvollsten historischen Instrumenten, es ist auch wohl das in historischen Quellen am besten dokumentierte Instrument des 18. Jahrhunderts. In seinem Werkstattbuch vermerkt J. D. Schiedmayer den Verkauf des Flügels nach Würzburg:

Das 7te Instrument bekam H von Kerpen,
Dom Capitular in Würzburg es ist mit besondern
Beyfall aufgenommen worden, der Preiß war bestimt 300 f
aus meinen Händen kam es den 5. December 1783
bin damit selbst nach Würzburg gereist